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DFG-Projekt "Literarische Praktiken in Skandinavien um 1900"

Projektlogo (Brandes spricht in den Phonographen)

 

Gemeinsam mit Prof. Dr. Joachim Grage, Professor für Nordgermanische Philologie (Neuere Literatur- und Kulturwissenschaft) am Skandinavischen Seminar, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg.
In Assoziation mit Prof. Dr. Wolfgang Behschnitt der Vakgroep Scandinavistiek en Noord-Europakunde, Universiteit Gent.

 

Projektdauer

Das Forschungsprojekt lief vom 1.3.2010 bis zum 28.2.2013.

 

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Zusammenfassung

Das Forschungsprojekt “Literarische Praktiken in Skandinavien um 1900”, angesiedelt an den Uni­ver­sitäten zu Freiburg, Gent und Köln, will durch die Integration performativitätsorientierter, me­dien­kulturwissenschaftlicher und literatur­soziolo­gischer Ansätze die Vielzahl literarischer Praktiken in Skan­dinavien um 1900 analysieren. Eine solche Untersuchung ist nicht nur ein Desiderat skandina­vi­sti­scher Literaturhistoriographie, sondern zugleich ein Beitrag zur Performativitätsforschung mit ihren kurrenten fünf Problemfeldern (Problem des Leitmodells, des Untersuchungsobjektes ‘Text’, des Histo­­risierungsdefizites, der begrifflichen Unschärfe und der Re-Auratisierung). Die in dem For­schungs­­projekt vorgenommene Begren­zung auf einen Zeitraum, einen Kulturraum und auf klar de­fi­nierte Prak­tiken erlaubt eine genaue Unter­suchung des breiten Spektrums von Performativität und der viel­fälti­gen, historisch wie kulturell kontin­genten Handlungsmöglichkeiten von und mit Texten. Diesen wird in den acht eng miteinander verknüpften Einzelprojekten nachgegangen, die sich mit Autoren­lesungen, Dichterehrungen, dem Liedvortrag, Literaturverfilmungen, der Inszenierung von Autoren im Film, Lite­ra­tur auf frühen Tonträgern, literarischen Praktiken in der Arbeiterbewegung und mit Schul-Lektü­ren auseinandersetzen.

 

 

Kölner Teilprojekte

Teilprojekt 1: Autorenlesungen um 1900 (Katharina Müller)

Der bisherige Mangel an wissenschaftlicher Auseinandersetzung mit der Autorenlesung lässt sich darauf zurückführen, dass es sich um marginalisierte Phänomene des Literaturbetriebes handelt und stattdessen das Modell Text dominiert. Genette zählt signifikanterweise bei seinen Paratexten Lesungen nicht zum ‘Beiwerk des Buches’. Der Autor als Vorleser seiner eigenen literarischen Texte bzw. als Vortragender über Literatur nimmt jedoch einen prominenten Stellenwert in den skandina­vischen Literaturen um 1900 ein, gerade wenn es einerseits um die Promotion des eigenen Textes, neuer Diskurse über Literatur, aber auch der eigenen Person geht. Eine Engführung von literatursoziologischen und performativischen Ansätzen ermöglicht es, die Lesung als bisher vernachlässigte Erscheinungsform von Literatur zu analysieren und im Feld der Literatur zu kontextualisieren. Neben den soziokulturellen und marktstrategischen Aspekten gilt es, nach der Aktualisierung von Texten zu fragen, wenn sie einerseits öffentlich vorgelesen werden, die Lesung selbst dann aber wieder Gegenstand von neuen Texten wird. In der Performanz der Lesung verschwindet die Differenz von Autor und Werk, bereits oder noch nicht Publiziertes wird in der Präsenz des Augenblicks zurück- bzw. vorweggenommen und eröffnet so neue Perspektiven auf den Autorbegriff. In methodischer Hinsicht ist zu beachten, dass Performativitätsforschung sich heute u.a. den ‘Per­formances’ zeitgenössischer Auto­ren widmet, wobei dort die Beschreibung und die Analyse der performativen Eigenschaften entweder durch An­wesenheit oder Stimm- und Bilddokumentation gelingen können. Die literarische Praxis der Autoren­lesung bzw. der Lesereise kann hingegen für die vorletzte Jahr­hun­dertwende nur sekundär, d.h. wiederum über Textdokumente, untersucht werden, wodurch die Re­konstruktion der Aufführung und ihrer Rahmenbedingungen selbst das Ereignis aktualisiert. Für die Untersuchung der Lesungen und Vorträge ergeben sich folgende Leitfragen: Welche Rolle spielen öffentliche Lesungen im literarischen Feld um 1900? Welchen Stellenwert nehmen diese literarischen Praktiken für die jeweiligen Autorenkonstruktionen ein, auch in Anknüpfung an Teilprojekt 2? Wie lässt sich der Habitus des öffentlich vorlesenden Autors beschreiben und zum literarischen Feld in Beziehung setzen? Lassen sich genderspezifische Konstruktionen feststellen und analysieren? Wie werden die neuen medialen Möglichkeiten genutzt, wie sie in den Teilprojekten 5 und 6 unter­sucht werden? Ein Katalog von Gesichtspunkten und Themen in diesem Zusammenhang muss dar­über hinaus Aspekten von Mündlichkeit/Schriftlichkeit, Schauspiel- und Stimmkunst, Berufs­schrift­stellerei, Verlags- und Autorenmarketing usw. Rechnung tragen. Es bietet sich an, diese Fragen für jedes der Länder Dänemark, Norwegen und Schweden exemplarisch an je einem Autor zu beantworten: Herman Bang, Knut Hamsun und Selma Lagerlöf. Für diese kanonisierten Autoren war die Lesung konstitutiver Bestandteil ihrer Autorschaften.

 

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Teilprojekt 4: Literaturverfilmungen als literarische Praxis 1907–1924 (Stephan Michael Schröder)

Filmische Adaptionen literarischer Texte (als historisch neue Form literarischer Praxis) sind fast so alt wie die öffentlich proji­zierten ‘lebenden Bilder’ selbst; das literarische Schreiben über den und für den Film setzt sogar zeit­gleich mit der kulturellen Praxis des Kinos ein. Die Einbeziehung von Litera­tur­‘verfilmungen’ in den Gegen­standsbereich der Litera­tur­wissenschaft in den siebziger Jahren und die damit einhergehende Herausbildung der sog. Film­phi­lo­logie stand mit ihrem Leitkriterium der ‘Werk­treue’ indes noch weit­gehend unter dem Zeichen der unpro­duktiven Verteidigung diszi­pli­närer und zugleich hegemonial­kul­tu­reller Normen. Obendrein war sie allzu häufig einem essen­tia­li­stischen und damit a-performativen Medien­ver­ständ­­nis ver­pflich­tet. Die kurante Intermedialitätsforschung ver­meidet zwar explizit eine Hierarchisierung zwischen der lite­rarischen Vorlage und ihrer Adaption, doch wegen ihres zumeist stark auf die semiotische Dimension eingeschränkten Medienbegriffes – Folge ihrer Herkunft aus den Interart-Studien und aus der Inter­textualitätsforschung – neigt sie dazu, sich auf den bloßen Vergleich zwischen literari­schem und filmi­schem Werk zu beschränken. Erst ein perfor­ma­tivischer Inter­me­dialitätsansatz, der Medien und ihre ‘Produkte’ als kul­turelle Prakti­ken kon­zep­tuali­siert, erlaubt es, die Interferenz zwischen Lite­ratur und Film/Kino einschließlich der Litera­tur­verfilmung in all ihren Dimen­sionen zu analysieren.
Die frühen Literaturverfilmungen, nicht zuletzt die dänischen, norwegischen und schwe­di­schen, sind von der Forschung vor allem als zuweilen plumpe Versuche der Filmindustrie bewertet worden, am sym­bo­li­­schen Ka­pi­tal der Literatur teilzuhaben. Wichtige Fragen sind in diesem Kontext allerdings bislang ausgeblendet worden: Inwie­fern reflektiert oder aber modifiziert z. B. die laut com­mu­nis opinio der Forschung ‘literarische’ Aus­richtung der skandinavischen Film­pro­duktion hege­mo­nia­le litera­rische Praktiken der dama­ligen Zeit? Was geschah mit dem sym­bo­li­schen Kapital der Autoren (und Autorinnen) bei ihrem Eintritt in die Filmproduktion? Welche Genderdimensionen sind bei diesem Prozess zu beobachten? Das Grundproblem der bisherigen Forschung besteht darin, dass die Literatur in dieser Perspektive schlicht als ‘Opfer’ einer spe­kulationskapitalistischen Filmindustrie er­scheint, was unge­bro­chen den damaligen bildungsbürgerlichen Diskurs fortschreibt. Weitgehend unerforscht ist, was diese Lite­ratur­ver­filmungen – als massenmediale Narrationen wie als finanzielle Subsistenz­mög­lich­keit – für die Auto­no­misierung des literarischen Feldes leisteten.

 

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Teilprojekt 5: Die Inszenierung von Autoren im Film 1905–1922 (Stephan Michael Schröder)

Zum Durchbruch der sekundären Medien um 1900 mit ihren analogen Speicherfähigkeiten gehört nicht nur der Phonograph, sondern auch der Kinematograph. Das neue Medium Film trat jedoch nicht nur, wie vor allem im zeitgenössischen Diskurs artikuliert, als lebensbedrohliche Konkurrenz zur Literatur und ihrer Autoren auf, sondern wurde auch schnell als synergetisches Medium entdeckt, um Autoren einerseits zu inszenieren und anderseits für ein Publikum außerhalb der bürgerlich-hegemo­nialen Kreise zu popularisieren. Da es bei der filmischen Insze­nierung eines Autors in Stumm­filmzeiten per se nur um die Figur, die Auto­renpersona, und nicht die lite­rarischen Werke selbst gehen kann, ist eine Analyse dieser Inszenierung und ihrer Modi als spezifische litera­ri­sche Praxis besonders geeignet, um Ver­änderungen in der Autorenkonstruktion, dem typischen Habitus des Autors zu erkennen.
Schon 1905 wird der dänische Nationaldichter Holger Drachmann aufs Zelluloid gebannt, wahrscheinlich die erste Filmaufnahme eines skandinavischen Dichters überhaupt. Den dänischen 'Autorenfilmen' der zehner Jahren wurden gerne emblematische Aufnahmen von Autoren voraus­ge­schickt, die sie angeblich bei der literarischen Arbeit am Schreibtisch zeigen (z.B. in den Filmen Ned med Vaabnene! 1914 oder Himmelskibet 1917) – ein Verfahren, das 1922 auch z.B. bei der nor­wegischen Hamsun-Verfilmung Markens grøde aufgegriffen wurde und das ebenso der kultu­rel­len Nobilitierung des Filmes durch Transfer symbolischen Kapitals als auch der Überhöhung der Autoren­persona durch das präsentistische Filmmedium diente. Einzelne Filme porträtierten sogar ausschließlich Autoren; so ließen sich 1922 u. a. Sophus Michaëlis, Johannes V. Jensen und Henrik Pontoppidan für den Film Bogugens Forfattere in 'typischen' Milieus filmen. Solcher­maßen leistete gerade der Film (wenn auch in bescheidenem Um­fang) als eigentlich ent-aurati­sie­rendes Medium eines Zeitalters technischer Reproduzier­barkeit seinen Beitrag zur Re-Auratisierung der Autoren als Dichter. Zu untersuchen ist in die­sem kleineren Teilprojekt nicht nur die Auswahl der ge­filmten Autoren sowie die Ver­breitung und Rezeption dieser Filme, sondern vor allem ihre durchaus unterschiedliche Insze­nierung von Autorenrollen: In Bogugens Forfattere z.B. konkurriert Sophus Michaëlis’ klassizistische Selbstdarstellung mit einem ledergekleideten Johannes V. Jensen und sei­nem Motorrad.  

 

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Teilprojekt 7: Literarische Praktiken in der Arbeiterbewegung (Christian Berrenberg)

Die Arbeiterbewegung in den Jahrzehnten um 1900 kann als gut erforscht gelten. Zum Einen in der skandinavischen Historiographie, wegen ihrer Bedeutung für die sich in den 1930er entwickelnden Wohlfahrtsstaaten, zum Anderen aber auch in der Literaturwissenschaft, die sich vor allem in den 1970er Jahren ausgiebig mit der sog. Arbeiterliteratur und teilweise auch mit dem damit verbundenen Arbeitertheater beschäftigt hat. Was jedoch ein Desiderat der Forschung darstellt, ist eine Untersuchung der spezifisch literarischen Praktiken und die damit verknüpfte Rolle, die Literatur in der Arbeiterbewegung gespielt hat. Im Vordergrund der Arbeit soll nicht die zumeist diskutierte Dichotomie Arbeiterkultur vs. bürgerliche Kultur stehen, sondern das im Forschungsprojekt fokussierte speziell literarische Feld genauer untersucht werden. Dieses lässt sich gerade im Milieu der Arbeiterbewegung nicht scharf vom allgemein-kulturellen Feld trennen, eröffnet in seiner Beschränkung aber neue Erkenntnisse. Untersuchungszeitraum sind die Jahre von ca. 1900 mit den Gründungen verschiedener Jugendverbände bis zur Gründung des Arbeidernes Opplysningsforbund 1931 und der damit einhergehenden Zentralisierung und Institutionalisierung der Kultur- und Weiterbildungsarbeit.

Die Kultur- und somit auch Literaturarbeit der Arbeiterbewegung spielt sich in erster Linie in folgenden Bereichen ab:

  • In der Theaterbewegung und im Rahmen der sog. Arbeiterliteratur,
  • im Rahmen der opplysningsarbeid/folkeopplysning,
  • in den Presseorganen der Arbeiterbewegung
  • und später in der organisierten Agitationsarbeit

Der Bereich, der bezüglich Literatur und literarischer Praktiken noch nicht untersucht wurde, ist opplysningsarbeid/folkeopplysning. Treibende Kraft der Weiterbildungsarbeit waren die unzähligen Jugendverbände bzw. ungdomslag.

In den verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften wird der Diskurs über Literatur untersucht. Hierzu werden die wichtigsten und größten Zeitungen herangezogen, vor allem der Jugendverbände. Aus diesen Zeitungen lassen sich in Leit- und Programmartikeln Bildungsideale, unterschiedliche Gebräuche des Literaturbegriffs und Beschreibungen literarischer Praktiken finden. Der Literaturbegriff innerhalb der norwegischen Arbeiterbewegung bewegt sich im Spannungsfeld zwischen ‚Literatur als etwas Neutrales‘ und ‚Literatur als Arbeiterkultur‘. In diesem Spannungsfeld lassen sich verschiedene Nuancen herausarbeiten, die zum Einen eine Entwicklung erkennen lassen, zum Anderen eine Differenz zum hegemonialen, zeitgenössischen Literaturbegriff darstellen. Diese differenzierte Beschreibung der verschiedenen Sichtweisen auf Literatur eröffnet die Möglichkeit, eine Entwicklung vom erst- zum letztgenannten Literaturbegriff zu zeichnen, die letztendlich den Weg für die Gründung des AOF bereitet.

In Anlehnung an und eng verwoben mit dem Diskurs über Literatur sollen die literarischen Praktiken beschrieben und deren Funktion erläutert werden. Im Kern der Untersuchung stehen bisher zum Teil völlig vernachlässigte literarische Praktiken wie

  • im Rahmen der Weiterbildungsarbeit
    • Vorträge
    • Studienkreise und -kurse
  • kleine, nicht institutionalisierte Vorführungen
  • die interne Arbeit in den verschiedenen Verbänden
    • literarische Praktiken auf Festen
    • die handgeschriebenen Zeitschriften
  • und, gegen Ende des Untersuchungszeitraums, zentral organisierte, meist propagandistische literarische Praktiken
    • wie die sog. ‚tramgjengs‘,
    • agitatorische Aufführungen und Deklamation
    • und weitere.

Die These der Arbeit lautet: Zwischen ca. 1900 und 1931 lässt sich eine zunehmende Vereinnahmung des Literaturbegriffs beobachten, die sich nicht zwangsläufig in der Schaffung einer so oft beschriebenen ‚alternativen Kultursphäre‘ oder ‚adaptierten bürgerlichen Kultur‘ niederschlägt. Die Entwicklungen sowohl der Bildungsarbeit, des Literaturbegriffs als auch der literarischen Praktiken zeigen ähnliche Strukturen und Veränderungen auf. Mit dem parallel stattfindenden Wachstum der Bewegung zeigt sich eine Vereinnahmung und Instrumentalisierung. Vor allem im Kontext der literarischen Praktiken zeigt sich, dass diese nicht hinreichend als Adaption bürgerlicher literarischer Praktiken beschrieben werden können, sondern im Kontext einer an Macht und Struktur gewinnenden Arbeiterbewegung gesehen werden müssen. Die in der Forschungsliteratur konstruierte dichotomische Trennung zum Bürgertum spielt im Untersuchungszeitraum keine herausragende Rolle, vielmehr zeigt sich eine Loslösung des Kultur- und Literaturbegriffs vom Bürgertum.

Das gesammelte Material stammt vor allem aus Arbeiderbevegelsens arkiv og bibliotek in Oslo. Aufgrund eines durch das Forschungsprojekt ermöglichten Forschungsaufenthalts in Arbetarrörelsens arkiv och bibliotek in Stockholm werden ausgehend von den Befunden der Untersuchung der norwegischen Arbeiterbewegung ferner Parallelen und Unterschiede zur schwedischen aufgezeichnet.

 

 

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