Kurzer Abriss der Geschichte der Kölner Skandinavistik
von Lea Baumgarten1919–1937
Da die Handelshochschule kein Deutsches Seminar besessen hatte, musste dieses nach der Neugründung der Universität im Jahre 1919 völlig neu aufgebaut werden. Für die Deutsche Philologie wurden zwei Lehrstühle eingerichtet, die zunächst mit Friedrich Panzer und Franz Schultz besetzt wurden. Bereits im Winter des Jahres 1920 ging der Lehrauftrag für Ältere Germanistik auf Friedrich von der Leyen (1873–1966) über, auf den Lehrstuhl für Neuere deutsche Literaturwissenschaft wurde zwei Jahre später der Gelehrte und Dichter Ernst Bertram (1884–1957) berufen. Beide standen ab 1922 gemeinsam dem Seminar als Direktoren vor. Friedrich von der Leyen hatte alte und neue deutsche Literatur, Geschichte, Philosophie, Sanskrit und Englisch in Marburg, Berlin und Leipzig studiert und 1894 in Berlin promoviert. Er habilitierte sich 1899 mit der Schrift »Das Märchen in den Göttersagen der Edda«. Vor seiner Berufung nach Köln war er außerordentlicher Professor für Germanische Philologie mit Lehrauftrag für Germanische Volkskunde, insbesondere Mythologie, Sagen- und Märchenforschung in München. Seine Lehr- und Forschungsgebiete erstreckten sich vom Gotischen über die deutsche Sprache und Literatur des Mittelalters bis zur neueren deutschen Literatur von der Goethezeit bis zur Gegenwart. Einen besonderen Platz in seinem Schaffen nahmen die Volks- und Altertumskunde, hier v.a. die Märchen- und Sagenforschung, und die ältere und neuere skandinavische Literatur ein. Zu seinen Schülern zählen Kurt Schier und Friedrich Ranke. Sein Lehrauftrag in Köln umfasste ›Deutsche Philologie, besonders ältere Germanistik, Altnordisch und Deutsche Volkskunde‹. Zu seinen Veröffentlichungen aus dieser Zeit gehören Neubearbeitungen seiner früheren Werke Die Götter und Göttersagen der Germanen (1924 [1909]) und Die deutschen Heldensagen (1923 [1912]) sowie seine Geschichte der deutschen Dichtung (1926) und Volkstum und Dichtung (1933). Er war außerdem u.a. Herausgeber der Reihe »Die Märchen der Weltliteratur«. Vom ersten Tag seines Wirkens in Köln an betrieb von der Leyen mit größter Einsatzbereitschaft den Auf- und Ausbau des Deutschen Seminars. Sein wichtigstes Projekt war die stetige Erweiterung der Seminarbibliothek. Zur Zeit seiner Übernahme des Lehrstuhls umfasste sie kaum mehr als 30 Bände, bis zu seiner Emeritierung waren es 30 000. Die rasante Entwicklung, die das Seminar währenddessen durchlief, ist an den Studentenzahlen ablesbar: Hatten die beiden Ordinarien 1920 lediglich 25 Studierende zu betreuen, so waren es zehn Jahre später bereits 550. Von Beginn an fand von der Leyens Leidenschaft für die skandinavischen Sprachen und Literaturen ihren Niederschlag im Lehrangebot des deutschen Seminars. Es ist zu großen Teilen sein Verdienst, dass in Köln eine nordistische Tradition begründet wurde, und seine Bemühungen um die nordische Abteilung des Seminars waren ein erster Schritt zur Gründung eines eigenen Instituts für Nordische Philologie. Er hatte zu seiner großen Freude schon früh ein besonderes Interesse der Studierenden an nordischen Themen festgestellt und bemühte sich, diesem Interesse mit einem möglichst vielfältigen Lehrangebot zu entsprechen. So sorgte er dafür, dass das Altnordische erlernt werden konnte, bot die Übung »Runen und Runeninschriften« an und hielt u.a. die Vorlesungen »Die Edda. Götter- und Heldensagen der Germanen«, »Nibelungenlied und Nibelungensage« und »Heldendichtung, Mythen und Märchen der Germanen«. Die nordische Volkskunde wurde zudem ab 1936 von seinem Assistenten Josef Müller vertreten. Auch sein Interesse für die neuskandinavische Literatur, das er mit Ernst Bertram teilte, spiegelte sich in der Lehre wieder. Bereits sehr früh fand sich im Vorlesungsverzeichnis ein bemerkenswerter Anteil an Veranstaltungen in diesem Bereich. Das Angebot wurde durch von der Leyen selbst (er hielt die Vorlesungen »Ibsen, Bjørnson, Strindberg« und »Nordische Dichter der Gegenwart (von Ibsen und Bjørnson bis in die neueste Zeit)«) und ab 1933 durch den Dänen Vagn Børge gewährleistet, der bis 1940 in Köln als Lektor für Dänisch, Schwedisch und Norwegisch tätig war. Børge beschränkte seine Lehrtätigkeit nicht auf Sprach- und Literaturkurse, sondern hielt auch regelmäßig Vorlesungen zur neueren skandinavischen Literatur und zum skandinavischen Theater, darunter »Die nordische Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts«, »Nordische Literatur der Gegenwart«, »Ibsen und Björnson: Ausdruck des nordischen Geistes«, »August Strindbergs Mystische Dramen«, »Søren Kierkegaard und die drei Lebensstadien«, »Søren Kierkegaard und seine ›Papiere‹«, »Schwedisches Theater zur Zeit Gustavs III.« und »Ludvig Holberg und das dänische Theater«. 1935 veröffentlichte er seine Monographie Der unbekannte Strindberg. Studie in nordischer Märchendichtung, die mit einer Vorrede von Friedrich von der Leyen versehen war. Als er 1940 nach Wien ging, übernahm der Däne Ole Restrup, der gleichzeitig als Lektor für Neunordisch in Bonn angestellt war, seine Aufgaben. Dieser unterrichtete allerdings nur bis 1942 in Köln.
Mit der älteren Nordistik war bereits seit 1920 der angesehene Gelehrte Hans Sperber (1885–1963) betraut. Der 1885 in Wien geborene Sperber, der die schwedische und die deutsche Staatsbürgerschaft besaß, hatte in Wien und Uppsala Germanische und Romanische Philologie studiert und war ab 1919 als Privatdozent für deutsche und nordische Philologie in Köln tätig, nachdem er sechs Jahre lang als Lektor für Deutsch an der Universität Uppsala gearbeitet hatte. Sein Fürsprecher in Köln war der Anglist Arnold Schröer (1857–1935, Rektor 1922/23), der sich seit der Gründung des Deutschen Seminars begeistert für dessen Weiterentwicklung einsetzte und maßgeblich an der Erweiterung der Bibliothek beteiligt war. Sperber war in der Lage, sowohl das Gotische als auch die deutsche und die skandinavischen Sprachen in all ihren Stufen bis zum Neuhochdeutschen und Neunordischen zu lehren. Er unterrichtete die Studierenden außerdem in der neuschwedischen Sprache. Seine Forschungsschwerpunkte lagen auf dem Gebiet der Sprachgeschichte sowie Sprachtheorie und -psychologie, hier besonders auf Bedeutungs- und Wortschatzveränderungen durch Affektdruck und Kulturwandel. In seiner Kölner Zeit veröffentlichte er eine »Einführung in die Bedeutungslehre« (1923) und eine Geschichte der deutschen Sprache (1926). Letztere wurde von seinem Kollegen Karl Carstien als »äußerst klar« und »ausgezeichnet« und von Heinrich Hempel als »gehaltvolle und selbständige Darstellung des Gegenstands«1 bezeichnet. Auf Wunsch Friedrich von der Leyens übernahm er die Leitung der nordischen Abteilung. In dieser Funktion bot er Einführungen in das Altnordische sowie die Seminare »Interpretation nordischer Denkmäler zur Götterlehre und Heldensage« und »Nordische Texte sagengeschichtlichen Inhalts« an. Seine Vorlesungen umfassten u.a. eine »Einführung in das Studium der Edda« und eine »Einführung in die altnordische Sagaliteratur«. Im August 1925 wurde Sperber zum nicht beamteten außerordentlichen Professor ernannt, einen besoldeten Lehrauftrag erhielt er allerdings erst im Juli 1929, nachdem Friedrich von der Leyen lange Zeit um dessen Erteilung gekämpft hatte. Jahrelang hatte dieser sich unermüdlich dafür eingesetzt, Sperber, dessen Familie noch immer in Wien lebte, da seine Frau dort den Lebensunterhalt der Familie bestreiten musste, seine Tätigkeit in Köln finanziell zu ermöglichen. Bereits im Dezember 1926 wandte sich von der Leyen deshalb an den Dekan der Philosophischen Fakultät. In dessen Schreiben an das Kuratorium wird deutlich, mit welchem Ehrgeiz man auch insgesamt den Ausbau des Deutschen Seminars betrieb:
Nachkriegszeit Mit dem Zusammenbruch des Dritten Reichs wurde Heinrich Hempel aus seiner Professorenstelle entfernt, jedoch schon 1947 wieder zum Amt zugelassen. Zahlreiche Kollegen und Studenten hatten sich sehr wohlwollend und persönlich für ihn eingesetzt. In ihren Stellungnahmen bezeichneten sie Hempel einhellig als »völlig unpolitisch«22 und seinen Vortrag als »vom strengen Geist der Wissenschaft getragen«.23 Carl Karstien schrieb in seinem Gutachten über Hempels politische Haltung:
Das eigene Institut
1 Heinrich Hempel an Dekan Schieder, 26.03.1954 (Universitätsarchiv Köln, Personalakte Hans Sperber, Zug. 197 Nr. 865).
2 Dekan Bresslau an den geschäftsführenden Vorsitzenden des Kuratoriums, Geheimrat Prof. Dr. Eckert, 14.12.1926 (Universitätsarchiv Köln, Personalakte Hans Sperber, Zug. 317-III Nr. 1824).
3 Friedrich von der Leyen in einem Schreiben an Dekan Wintgen vom 15.02.1929 (Universitätsarchiv Köln, Personalakte Hans Sperber, Zug. 317-III Nr. 1824).
4 Friedrich von der Leyen und Ernst Bertram an die Philosophische Fakultät, 15.11.1933 (Universitätsarchiv Köln, Personalakte Friedrich von der Leyen, Zug. 44 Nr. 179).
5 Friedrich von der Leyen an das Dekanat der Philosophischen Fakultät, 15.11.1933 (Universitätsarchiv Köln, Personalakte Friedrich von der Leyen, Zug. 44 Nr. 179).
6 Hans Sperber an den Dekan, 20. 04.1933 (Universitätsarchiv Köln, Personalakte Hans Sperber, Zug. 317-III Nr. 1824).
7 Friedrich von der Leyen an das Dekanat der Philosophischen Fakultät, 15.11.1933 (Universitätsarchiv Köln, Personalakte Frriedrich von der Leyen, Zug. 44 Nr. 179).
8 Ebd.
9 Friedrich von der Leyen an das Kuratorium der Universität, 20.12.1933 (Universitätsarchiv Köln, Personalakte Friedrich von der Leyen, Zug. 44 Nr. 179).
10 Friedrich von der Leyen an den Rektor, 07.02.1936 (Universitätsarchiv Köln, Personalakte Friedrich von der Leyen, Zug. 44 Nr. 179).
11 Denkschrift »Über den Ausbau der nordischen Abteilung am Deutschen Seminar der Universität Köln« an den Dekan »mit der Bitte, sie auf dem Dienstweg dem Herrn Minister zukommen zu lassen«, 16.05.1935 (Universitätsarchiv Köln, Personalakte Friedrich von der Leyen, Zug. 44 Nr. 179).
12 Ebd.
13 Das Deutsche Seminar der Universität Köln [o.V.]. Jena: Eugen Diederichs Verlag, 1936.
14 Ebd., S. 7. Hervorhebung im Original.
15 Ebd., S. 14. Hervorhebung im Original.
16 Ebd., S. 7. Hervorhebung im Original.
17 Burgmer, Anne: Die Skandinavistik an der Universität Köln während des Nationalsozialismus [unveröffentlichte Magisterarbeit]. Köln 2005, S. 57.
18 Dekan Kauffmann an den Reichsminister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung, 22.11.1938 (Universitätsarchiv Köln, Personalakte Heinrich Hempel, Zug. 44 Nr. 602).
19 Burgmer S. 58.
20 Dekan Kauffmann an den Reichsminister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung, 21. 07.1939 (Universitätsarchiv Köln, Personalakte Heinrich Hempel, Zug. 317-II Nr. 0649).
21 Reichsminister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung am 23. 09.1939 (Universitätsarchiv Köln, Personalakte Heinrich Hempel, Zug. 317-II Nr. 0649).
22 Dr. Ernesto Peternolli an den Rektor [ohne Datum] (Universitätsarchiv Köln, Personalakte Heinrich Hempel, Zug. 571 Nr. 78).
23 Elisabeth Zylka an den Rektor, 20.11.1946 (Universitätsarchiv Köln, Personalakte Heinrich Hempel, Zug. 571 Nr. 78).
24 Karl Carstien an Education-Officer Dr. Beckhoff, 21.04.1947 (Universitätsarchiv Köln, Personalakte Heinrich Hempel, Zug. 571 Nr. 78).
25 Josef Quint in seinem Lebenslauf für die Universität des Saarlandes (Universitätsarchiv Köln, Personalakte Josef Quint, Zug. 194-III Nr. 1447).
26 Universitätsarchiv Köln, Personalakte Josef Quint, Zug. 194-III Nr. 1447.
27 Ebd.
28 Brief Josef Quints an den Dekan vom 22.01.1957 (Universitätsarchiv Köln, Personalakte Fritz Tschirch, Zug. 197 Nr. 7).
29 Dekan am 25.02.1958 (Universitätsarchiv Köln, Personalakte Fritz Tschirch, Zug. 571 Nr. 106).
30 Universtätsarchiv Köln, Personalakte Fritz Tschirch, Zug. 571 Nr. 106.
31 Ebd.
32 Universitätsarchiv Köln, Personalakte Fritz Tschirch, Zug. 571 Nr. 106.
33 Ulrich Groenke an Wilhelm Friese, 22.05.1969.
Literatur
Das Deutsche Seminar der Universität zu Köln [o.V.]. Jena 1936.
Burgmer, Anne: »Die Skandinavistik an der Universität Köln während des Nationalsozialismus« [unveröffentlichte Magisterarbeit]. Köln 2005.
König, Christoph, und Birgit Wägenbauer (Hrsg.): Internationales Germanistenlexikon 1800–1950. Berlin 2003.
Kreutzer, Gert: »Hermann Höner in memoriam«. In: ISLAND. 7. Jg., Heft 1 (2001), S. 72–74.
Quellen
Vorlesungsverzeichnisse der Universität zu Köln. Köln 1920–2005.
Personalakten im Universitätsarchiv Köln:
- Zug. 44 Nr. 179; Zug. 571 Nr. 129; Zug. 44 Nr. 76; Zug. 17 Nr. 3419 (Friedrich von der Leyen)
- Zug. 17 Nr. 3419; Zug. 317-III Nr. 1824; Zug. 27 Nr. 68; Zug. 197 Nr. 865 (Hans Sperber)
- Zug. 17 Nr. 536 (Vagn Børge)
- Zug. 17 Nr. 3237 (Hans Kuhn)
- Zug. 44 Nr. 81; Zug. 197 Nr. 16; Zug. 317-III Nr. 955; Zug. 571 Nr. 102 (Carl Karstien)
- Zug. 571 Nr. 196; Zug. 197 Nr. 7; Zug. 44 Nr. 3590 (Fritz Tschirch)
- Zug. 44 Nr. 3589; Zug. 194-III Nr. 1447; Zug. 197 Nr. 33 (Josef Quint)
- Zug. 571 Nr. 78; Zug. 317-II Nr. 649; Zug. 44 Nr. 106 (Heinrich Hempel)
- Zug. 17 Nr. 2110; Zug. 197 Nr. 723 (Heinrich Matthias Heinrichs)